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Ein Wintermorgen, 7:00 Uhr. Während Sie noch schlafen, geht über Ihr Outlook die erste Terminänderung des Tages ein: Meeting beim Kunden auf 10:00 Uhr verschoben. Und nun stellen Sie sich vor: Statt von dieser Tatsache im schlechtesten Falle erst am Empfang des Kunden zu erfahren, ist bestens vorgesorgt.

Ihr Wecker klingelt Sie automatisch eine halbe Stunde später aus den Federn, wohl bedacht, dass sich Ihre Fahrzeit über die A2 heute um rund 20 Minuten verlängern könnte. Sie stehen also auf, genießen den selbstständig bereiteten Kaffee und die punktgenau aufgebackenen Brötchen und springen noch kurz unter die Dusche (das Bad ist natürlich schon vorgeheizt). An der Haustür schnell per App das komplette Haus in den Ruhemodus versetzt und ins frisch enteiste Auto gestiegen, das Sie auf direktem Weg zum Kunden navigiert und auch schon eine freie Parklücke ausfindig gemacht hat.

Perfektes Timing dank intelligenter Geräte. Immer mehr Anwendungen des täglichen Lebens, die über Sensoren automatisch miteinander kommunizieren – mit dem Web 4.0 wird diese Vorstellung Wirklichkeit. Im Kühlschrank geht der Milchvorrat zur Neige? Warum das Gerät nicht selbst die nächste Bestellung aufgeben lassen.

 

 

Ein neuer Zeitgeist

Kaum eine Entwicklung wird derzeit mehr gehypt als das sogenannte Internet der Dinge. So beschreibt beispielsweise The Guardian die bevorstehende Umwälzung durch das IoT (kurz für „Internet of Things“) als „den in absehbarer Zeit größten Einflussfaktor auf unseren kulturellen Zeitgeist“ – und sieht in ihm den Beginn neuer wirtschaftlicher Chancen und eines radikalen sozialen Wandels.

Die Entwicklung hat längst begonnen. Ob Schnittstelle zwischen Rechner und TV oder Digitalwaagen, die das Körpergewicht direkt an die Fitness-App aufs Smartphone senden – laut einer Studie des internationalen Managementberaters Accenture besitzen bereits rund 30 Prozent aller Konsumenten eine Smart-Home-Anwendung oder planen eine solche innerhalb der nächsten zwei Jahre.

Und die Nachfrage dürfte weiter steigen. Satte 20 Prozent Wachstum jährlich (!) sagt Deloitte, einer der Big-Four-Wirtschaftsprüfer weltweit, dem Markt für smarte Technologien voraus. Und Prognosen wie diese scheinen einleuchtend. Denn die Menschen werden gleichzeitig immer älter, vernetzter und legen zunehmend Wert auf das eigene Heim und eine nachhaltige Lebensweise – ein Bedürfnismix mit Potential, insbesondere für Anwendungen im Bereich Gesundheit und Ferndiagnostik, Heimvernetzung und Sicherheitslösungen.

 

 

Industrie 4.0

Doch damit nicht genug. Experten sind sich mittlerweile einig, dass das eigentliche Potential des Web 4.0 fernab der eigenen vier Wände zu finden ist. „Während sich die Presse schwerpunktmäßig auf Konsumenten stürzt, die ihre Raumtemperatur, das Licht und ihre Haushaltsgeräte regeln, prophezeit Deloitte, dass zukünftig 60 Prozent aller IoT-Devices von Unternehmen und Industrien gekauft, gezahlt und genutzt werden“, so der Wirtschaftsprüfer in seinem Bericht „Technology, Media & Telecommunications Predictions 2015“.

Der Kuchen rund um die sogenannte „Industrie 4.0“ erscheint vielversprechend: Umsatzerwartungen von 70 Milliarden bis hin zu 10 Billionen US-Dollar werden momentan gehandelt. 2020, also bereits in fünf Jahren, könnten damit mehr als 26 Milliarden Geräte internetfähig sein, so errechnet es unter anderem das IT-Analyseunternehmen Gartner.

 

Smarte Versicherungen

Und auch in der Versicherungswirtschaft steht das Thema hoch im Kurs. So kündigte beispielsweise die Generali 2014 eine Police an, mit der Faktoren wie Fitness, Ernährung und Lebensstil künftig in die Prämiengestaltung mit einbezogen werden könnten.

Auf welch herben Widerstand dies stieß, davon berichtete bereits die Verbandszeitschrift POSITIONEN in ihrer März-Ausgabe 2015. Denn während Echtzeitdaten aus dem Leben der Versicherten einerseits Risiken besser kalkulierbar und Tarife dynamischer anpassbar machten, drohe andererseits auch die Torpedierung des Solidaritätsprinzips, einem der Grundfesten des Wirtschaftszweigs überhaupt. „Dass Raser mehr zahlen, mag gesellschaftlich vielleicht vertretbar sein“, argumentiert Lena Bulczak in ihrem Beitrag. „Im Bereich der Krankenversicherung dagegen ist das Problem offensichtlicher: Je weniger die Gesunden zahlen, umso mehr lastet auf den Schultern der Kranken.“

Kritik hagelt es nicht nur in Versicherungsdingen. Während Unternehmen vor allem die Vorzüge von Smart Home und Co. preisen, fragen sich die Verbraucher zunehmend, wo die wirklichen Mehrwerte für sie selbst liegen – und ob diese es wert sind, die eigene Privatheit aufs Spiel zu setzen. Denn so viel scheint klar: Vom morgendlichen Blutdruck bishin zu der Information, wer sich gerade mit wem im eigenen Haus aufhält, geben Konsumenten zukünftig wohl immer mehr von sich preis.

Ob nun begeisterter Anhänger, Genießer in Maßen oder Komplettverweigerer – beziehen Sie Position! Denn noch haben wir es mit in der Hand, wohin die Reise gehen soll.

Dieser Artikel wurde zuerst in der Ausgabe 01/2015 des Kundenmagazins „sachjournal“ veröffentlicht.

 

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