Freunde des Ballsports haben es nicht leicht. Schon in der Sprachwissenschaft leitet sich „Fan“ von „Fanatiker“ ab – und auch in der Berichterstattung schwappen die jubelnden Massen schnell in Assoziationen von Ultras, Hooligans und Co. um.

Und dennoch feiert die Fankultur angesichts der bevorstehenden Weltmeisterschaft ihre Renaissance. Doch warum ist Fußball überhaupt so emotional? Wie und wo kann man seine Leidenschaft so richtig ausleben und gibt es eigentlich den „wahren Fan“? Das sachjournal schnappt sich den Ball und blickt von einer etwas anderen Seite auf das Phänomen Fußball.

 

Warum überhaupt diese Leidenschaft?

„Objektiv gesehen ist Fußball völlig unbedeutend: 22 Menschen laufen einem Ball hinterher. Subjektiv gesehen ist Fußball die größte Sache der Welt: gebündelte Leidenschaft auf dem Platz und auf den Rängen“, so beschreibt Irene Berres, Autorin von Spiegel Online, den Publikumssport schlechthin. Doch warum ist das so? Drei Dinge führt sie an, die den Sport zum Erfolg machen. Punkt Nummer 1: Das Spiel ist an sich bedeutungslos. Sicher nicht für die Bundesligatabelle, wohl aber für den Zuschauer. Weil er für sich selbst keinerlei Konsequenzen befürchten muss, kann er sich auf den Rängen oder vor dem Bildschirm seinen Gefühlsausbrüchen voll und ganz hingeben. Dazu kommt die Unberechenbarkeit des Spiels. Hierzu muss man nicht viel sagen: So manch eine verpasste Torchance hat eingefleischte Fans sprichwörtlich schon an den Rande des Wahnsinns getrieben.

Und zu guter Letzt: Die Gemeinschaftlichkeit des Events, hierzulande wohl auf die Spitze getrieben beim Sommermärchen 2006. Wer „morgens in der U-Bahn ins Hohlkreuz gegangen ist, um ja nicht den Rücken des Nachbarn zu berühren, liegt abends einem wildfremden Menschen in den Armen“, so beschreibt auch Berres bündig, wie ein Ball es schafft, die Schranken des Alltags für 90 Minuten auszuhebeln.

Wie wird Fankultur gelebt?

Großereignisse wie die anstehende Weltmeisterschaft in Russland und das allsamstägliche Ringen auf dem heimischen Dorffußballplatz haben eines gemein: Fußball ist ein Live-Event und damit so hautnah erlebbar wie wohl kaum eine Sportart sonst. Vom wöchentlichen Kreisliga-Spiel bis hin zur teuer gehandelten Karte in den Stadien von Madrid, München und Co.: Wer Fan ist, muss dabei sein. Erregungsverarbeitung nennt sich das psychologische Bedürfnis, das die Menschen regelmäßig in die Stadien ziehen lässt – und nicht selten für gehörigen Diskussionsstoff sorgt. Man denke nur an die Vuvuzelas während der WM 2010 in Südafrika: Nichts Geringerem als dem Live-Erlebnis schlechthin wurde seinerzeit der Untergang prophezeit. „Tatsächlich zerstören die bunten Tröten jede Form der Kommunikation – nicht nur zwischen den Spielern. Sie sind der Tod der Stadion- und Fankultur“, so argumentierte auch Martin Vogt 2010 bei FOCUS Online stellvertretend für eine ganze Anhängerschaft. Und mehr noch: „Man kann auch sagen: Es tut nicht nur den Ohren weh, sondern auch der Fußballseele.“

Ein ähnliches Phänomen: Das „Rudelgucken“. Seit 2006 hat es sich nach und nach in den deutschen Biergärten breitgemacht und die Definition des „echten Fans“ einmal mehr in Frage gestellt.

Dabei sind die treibenden Kräfte hinter den Events gar nicht so verschieden, sei es nun im Stadion oder auf der Fanmeile: Eine große Masse an Gleichgesinnten geht gemeinsam ihrer Leidenschaft nach – und lässt die eigenen Emotionen in die Höhe schnellen.

Gibt es ihn, den „wahren Fan“?

Doch wer ist er eigentlich, der „wahre Fußballfan“? Schon immer rankt sich eine Vielzahl an Typologien um ihn. Vom Experten („Ich stelle jetzt den Ton ab, weil ich das inkompetente Gelaber von Netzer und Delling keine Sekunde länger ertragen kann.“) über den Veteran („Ballack, Ballack! Mir wäre in der Haut von Deutschland wohler, wenn ich diesen Elfmeterschießen könnte.“) bis hin zum hauptberuflichen Fan („Deutschland kann jeder gucken, Energie Cottbus halten nur die Profis aus.“) – das Spiel mit den Charakterisierungen, hier exemplarisch an einem Beitrag des Kölner Stadtanzeigers, kann bis ins Unendliche fortgeführt werden.

Auf eine solide Basis stellte es zuletzt der Strategie-Berater Advant Planning in Zusammenarbeit mit SPONSORs. Aus mehr als 3.000 Interviews entwickelten sie eine eigene Systematisierung des Bundesliga-Publikums, vom durchschnittlich 33-jährigen „Manischen“ bis hin zum unverbindlichen „Affinen“.

Wer davon ein „wahrer Fan“ ist, lässt sich wohl schwer sagen. Was unter dem Strich bleibt, ist jedoch eine beeindruckende Zahl: Insgesamt 29 Millionen Sympathisanten ermittelte der Sponsoring-Experte in seiner Hochrechnung!

Warum überhaupt die ganze Aufregung? Wissenschaft hin oder her: Über den Sinn und Unsinn des Fanseins lässt sich bekanntlich streiten. Und den noch gehen dazu zeitweilig interessante Studien durch die Presse. Vermehrte Herzinfarkte während des Elfmeterschießens gegen Argentinien bei der WM 2006 sind dabei nur der traurige Rekord einer ganzen Reihe von Aufregermeldungen. Oder wussten Sie, dass Anhänger erfolgreicher Fußballvereine nachweislich gesünder leben als deren Kontrahenten? So wurde es jüngst in einer zweijährigen Untersuchung französischer und amerikanischer Zuschauer ermittelt. Während die glücklichen Sieger unter den Fans am Tag nach dem Triumph neun Prozent weniger Fett und fünf Prozent weniger Kalorien zu sich nahmen, lag der fatale Umkehrschluss nahe: 16 Prozent mehr Fett und zehn Prozent mehr Kalorien, so lautete die Bilanz der treuen Verlierer.

Doch es gibt auch Grund zum Aufatmen – Psychologen wie Martin Huppert schreiben der Fankultur vor allem positive Wirkungen zu. Denn das „Anhimmeln“ einer Lieblingsmannschaft kann im besten Falle sogar helfen, wünschenswerte Eigenschaften selbst zu entwickeln. Während sich dies bei anderen Sportarten – man denke nur an die Formel 1 – eher schlecht realisieren lässt und mehr in einer Art Träumerei endet, stehen die Chancen eines passionierten Fußballfans da schon besser. Wohl kaum einer lässt es sich nehmen, auch selbst mal am Ball aktiv zu werden. Und auch wenn das nicht so gut klappt: Die Vielzahl an Gleichgesinnten, denen es ähnlich geht, macht aus psychologischer Sicht das Gefühl der Chancenlosigkeit schnell wett.

Wie steht es um die digitale Fankultur?

Dabei ist Fußball schon längst nicht mehr nur auf dem Rasen präsent. Die digitalen Netzwerke haben die Fankultur durchdrungen und liefern seither eine völlig neue Perspektive auf den Vereinsalltag. Ob Real Madrid oder der FC Bayern München: Aktuelle Bilder vom Training, Kommentare verletzter Spieler oder Videos, die hinter die Kulissen schauen, bringen die Fans ihren Mannschaften näher denn je.

Doch die Zeiten, in denen die Profis online munter aus dem Nähkästchen plauderten, sind längst vorbei. Die neuen Kommunikationskanäle, mit denen Vereine wie der FCB ihr „Mia san mia“-Gefühl in die Welt hinaustragen, sind mehr und mehr auch mit genauen Richtlinien für die Spieler belegt. Denn diese verkörpern auch in ihren „privaten“ Profilen längst nicht nur sich selbst, sondern immer mehr auch die Vereinsmarke. „Jedes Mal, wenn Özil ein Bild von sich postet, und sei es nur ein Foto von sich und seiner Freundin unter dem Weihnachtsbaum, wird auch 15 Millionen Mal die Marke ‚Arsenal‘ transportiert“, argumentiert Christoph Cöln auf welt.de.

Und die Entwicklung nimmt weiter zu: Anfang September 2017 sind es bereits über 31 Millionen Likes, die der Nationalspieler Mesut Özil auf seinem Facebook-Profil vereint. Und auch bei Twitter werden die Fans zunehmend aktiv. Bereits während des EM-Finalspiels 2012 Spanien gegen Italien kommentierten die Fans rekordverdächtig drauf los: Mit durchschnittlich 15.000 Tweets – pro Sekunde!

Also: Rüsten auch Sie sich für Ihre ganz persönliche Fußball-WM 2018 und lassen Sie sich von der Euphorie anstecken – egal, ob beim Public Viewing, in der gemütlichen Grillrunde mit Freunden oder beim Posten auf Twitter. Warum auch nicht? Denn ein bisschen Begeisterung hat bekanntlich noch niemandem geschadet.

Dieser Artikel wurde zuerst in der Ausgabe 01/2014 des Kundenmagazins „sachjournal“ veröffentlicht.

 

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