Nein, die Bilder, die Sie hier sehen, stammen nicht aus einem Erlebnispark. Bunte Sessel, Kletterwand, Spielautomaten – all das finden Google-Beschäftigte an ihrem täglichen Arbeitsplatz. Damit gilt das Unternehmen als das wohl populärste Beispiel einer Bürokultur der besonderen Art. Denn es hat sich schon seit Langem dem verschrieben, was für jede Branche Gold wert ist: Der Kreativität seiner Mitarbeiter. Dabei dürfte das mit den guten Ideen doch eigentlich gar nicht so schwierig sein: Insgesamt 72 Prozent der befragten Arbeitnehmer gaben in einer Studie der Branding-Agentur Jack Morton Worldwide an, kreativ zu sein. Nur wie kann man das richtig fördern? Immer mehr wird deutlich: Neben der Unternehmenskultur selbst kann auch eine inspirierende Arbeitsumgebung oft die entscheidenden Impulse verleihen.

Grübeln in der Hängematte

Kommen die besten Einfälle also doch beim Kickerspielen? Den Schritt weg vom klassischen Büroalltag gehen neben Google immer mehr Unternehmen. Für jede Situation die passenden Räumlichkeiten bieten – das Konzept leuchtet ein. Von allzu „heimeligen“ Schreibtischplätzen für konzentriertes Arbeiten, offenen Lounges zum lebhaften Diskutieren bis hin zu „Solozellen“ für ungestörtes Grübeln scheint das vermeintlich altbewährte Vier-Mann-Büro passé.

Hausboot-Büro oder Mailänder Loft

Und dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. So hat sich das Reiseportal Airbnb die Wohnzimmer aus aller Welt kurzerhand in den eigenen Firmensitz nach San Francisco geholt. Zur Inspiration seiner Mitarbeiter, aber auch, um das eigene Geschäftsmodell zu leben. „Wir wollten das Gefühl des Reisens ins Büro bringen“, erläutert Airbnb-Mitbegründer Brian Chesky auf SpiegelOnline das außergewöhnliche Einrichtungskonzept. „Fotos ferner Länder an die Wand zu hängen, war uns nicht genug. Man soll das Gefühl haben, wirklich dort zu sein. Unser Büro soll physisch repräsentieren, wer wir sind und was wir glauben.“

Ähnliches dürfte wohl auch den Kfz-Softwarespezialisten Solera Inc. dazu bewogen haben, nur unweit des Hauptsitzes in Westlake, USA, ein eigenes Innovationszentrum zu eröffnen. Und dieses erinnert, wie sollte es anders sein, so gar nicht an einen klassischen Firmenkomplex.

In seinem Artikel „Breakfast With… Tony Aquila“ beschreibt Jason Heid die jüngst eröffnete Entwicklungsstätte als „eine Mischung aus zeitgemäß-trendiger Open Space-Bürolandschaft und Mechanikerwerkstatt im Stil der 1950er Jahre“ – inklusive stilechtem Cola-Automaten.

Damit trifft Solera den Nerv der Zeit: Denn wo sonst könnte man ein Produkt besser erforschen als an seinem Einsatzort selbst?

Erleuchtung am Arbeitsplatz

Und für den Trend zum Kreativbüro gibt es auch wissenschaftliche Argumente. Seit 2010 untersucht die Architekturpsychologin Lioba Werth gemeinsam mit ihrem Team die Wirkungen von Raum auf das tägliche Arbeiten. Denn auch, wenn das mehr als plausibel erscheint – die direkte Umgebung der Beschäftigten wird nicht selten stiefmütterlich behandelt.

„Selbst innerhalb der Psychologie werde ich von einigen Kollegen noch belächelt“, berichtet Werth in einem Interview mit SpiegelOnline. „Dahinter steckt die Annahme, der Mensch funktioniere wie eine Maschine: Reiß dich mal zusammen, dann kannst du überall arbeiten.“

Dass man dennoch mit ziemlich einfachen Mitteln viel erreichen kann, dem widmet sich das Forscherteam um Werth. Mit aufschlussreichen Ergebnissen: So bringen beispielsweise besonders hell erleuchtete Räume zumeist nicht die vermeintlich naheliegende Erleuchtung. Viel Licht sei zwar ideal für effektives, konzentriertes Arbeiten, nicht aber für die Kreativität. Umgekehrt verhält es sich mit der Raumhöhe: Mehr Luft über den Köpfen sei in der Tat förderlich für gewagtere, abstrakte Gedanken.

 

Im Zweifel Kandinsky

Nicht jeder Firmensitz muss also gleich dem Google-Vorbild nacheifern. „In einem unserer Experimente haben wir herausgefunden, dass farbige Akzente im Raum die Kreativität fördern“, argumentiert Werth. „Abweichungen in Form und Farbe inspirieren, sie signalisieren uns, dass wir Neues denken dürfen.“ Im Zweifelsfall erfüllten also bereits kleine Details diesen Zweck: „Mit Miró oder Kandinsky kann man nichts falsch machen, abstrakte Bilder fördern das Denken.“

Ortswechsel gefällig?

Ein anderer Weg, auf neue Ideen zu kommen: Raus aus den vier Wänden. Wenn der Tapetenwechsel zum Prinzip wird, nennt sich das Coworking und beschreibt neudeutsch einen weiteren Zugang zu mehr Inspiration.

Die Überlegung dahinter ist einfach: Offene Räume für offene Gedanken. Vor allem Selbstständige und Start-ups nutzen dafür immer häufiger kurzfristig angemietete Arbeitsplätze statt fester Büros. Als einer der Wegbereiter dieser Entwicklung gilt betahaus, ein Coworking-Space mit Niederlassungen in Berlin, Hamburg, Barcelona und Sofia.

Der Laptop als einziges Utensil: Auf rund 330 Coworking-Spaces und etwa 11.000 „digitale Nomaden“ in Deutschland belaufen sich die aktuellen Zahlen des Magazins Deskmag. Neue Eindrücke und weniger fixe Büroausgaben – vor allem für Freiberufler liegen die Vorteile auf der Hand. Und das Modell hat noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: „Am Anfang kamen die Leute wegen des Arbeitsplatzes. Inzwischen kommen sie wegen des Netzwerks“, berichtet Madeleine Gummer von Mohl, Mitbegründerin von betahaus, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Denn vor allem der Kontakt mit Gleichgesinnten und anderen Branchen ist hier nicht selten die Essenz neuer Ideen.

Ob nun quietschbuntes Firmengelände, mobiles Arbeiten mit Laptop unter dem Arm oder schlicht das Bild an der Wand: Wie die Geistesblitze im Unternehmen heraufbeschworen werden sollen, hängt letztendlich sowohl von der Branche selbst als auch dem persönlichen Gusto ab. Nichts desto trotz: Was Beispiele wie die von Google, Solera und Airbnb vormachen, steht für eine neue Sicht auf die Ressource Kreativität – und die wird über kurz oder lang wohl weiter Schule machen.

Dieser Artikel wurde zuerst in der Ausgabe 02/2014 des Kundenmagazins „sachjournal“ veröffentlicht.

 

Bildquellen